Kolumne in Eltern: "One and a half women"


Todesfalle Leben. Kinder haben einen natürlichen Drang, ihre Grenzen auszuloten, sie wollen sehen, was geht, sie wollen so hoch wie möglich springen, so schnell wie möglich laufen, so unappetitlich wie möglich essen, so viel Spaß wie möglich haben. Eltern haben einen natürlichen Drang, das meiste davon zu verbieten. Weil erstens macht man das nicht und zweitens ist es gefährlich. Oft sogar lebensgefährlich. Natürlich versuchen wir, unsere Kinder vor allem Unbill zu bewahren. Gleichzeitig haben Teile der Elternschaft (nicht der Vater) einen leichten Hang zum Dramatischen. Diese Kombination führt dazu, dass wir unseren Töchtern immer wieder erklären, wie und auf welche Art sie sich verletzen könnten. Und zwar im Detail. Die größere der beiden schönsten Schwestern der Welt hat sich in den letzten Wochen selbst beigebracht, im Türstock ganz nach oben zu klettern. Sie musste viele Rückschläge hinnehmen, sie rutschte mehr als einmal ab und fiel zu Boden, aber immer wieder raffte sie sich auf und versuchte es erneut. Bis sie irgendwann mit dem Kopf am oberen Ende anstand und uns freudestrahlend angrinste. Und Mutter meinte: „Wenn du runterfällst, brichst du dir beide Beine.“ Türstöcke sind aber nicht die einzige Todesfalle in unserem Haushalt. Man könnte zum Beispiel von einem Bett fallen und sich das Genick am Boden brechen. Man könnte vom Sofa springen und sich das Genick am Couchtisch brechen. Oder am Boden. Man könnte auch vom Sessel fallen, sich zuerst das Genick an der Sesselkante und dann noch die Nase am Boden brechen. In Sachen Genickbruch macht das Trampolin im Garten besonders viel her. Da kann man sich beim Hüpfen, beim Rollen, beim Rausfallen und beim Zusammenstoßen mit einem anderen Kind das Genick brechen. Wenigstens kriegt man was für sein Geld. Beim Klettern heißt es: „Da könnt ihr abstürzen.“ Beim Schwimmen heißt es: „Da könnte der Hai kommen.“ Fußball? „Hitzschlag.“ Schifahren? „Lawine.“ Murmeln? „Ersticken.“ Play-Doh? „Auch ersticken, aber durch die Nase.“ Eislaufen? Das ist fast ein wenig langweilig, ohne die ganz dicken Handschuhe kann man gerade mal seine Finger verlieren. Am gefährlichsten ist aber unser seeehr glatter Terassenboden. Wenn man da hinfällt, knallt man zuerst mit dem Kiefer gegen einen Stuhl, dann mit dem Kopf gegen einen Blumentopf und schließlich mit dem Rücken auf die Fliesen, wo man liegen bleibt und in der Sonne vertrocknet. Spielen auf der Terasse also nur mit Helm, auf Bäume klettern mit Helm und Rückenpanzer. Auf dem Sofa reicht es, wenn sich die Kinder am Rand festhalten. Die ständigen Warnungen zeigen auch schon ihre Wirkung. Nachdem die mutigsten Mädchen der Welt tausendmal gehört haben, wie gefährlich das Leben ist und genausoviele Male rein gar nichts passiert ist, halten sie sich inzwischen für unbesiegbar. Das ist zwar nicht das Resultat, das wir fürsorgliche Eltern beabsichtigt hatten, aber um ehrlich zu sein, es ist eine gesunde Einstellung, wenn man die Welt erobern will.

Und schließlich haben sie nichts anderes vor.

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