Eltern family 09/21

Über die Rollen, die wir zu spielen haben.


Meine beste Rolle


Die Pandemie hatte für unseren Kolumnisten alles verändert. Als Kabarettist war er arbeitslos geworden und verlegte seine Bühne ins Wohnzimmer. Er war Spieler, Bespaßer und Clown, sehr exklusiv für das kleinste Publikum der Welt – seine beiden Töchter. In diesem Sommer ging das Brötchenverdienen wieder los. Und es war für ihn alles andere als einfach, wieder in die neue, alte Rolle zu finden. Ein Schauspiel in 5 Akten.


VORHANG AUF


1. Akt – Der Vater hat frei

(Ein Wohnzimmer in Wien im ersten Lockdown.)

Mutter: Schatz, du hast ja jetzt recht viel Freizeit, oder?

Vater: Naja, ohne Publikum macht mein Job nicht viel Sinn.

Mutter: Du Armer. Ich dagegen habe sehr viel zu tun.

Vater: Ich verstehe schon, mach dir keine Sorgen. Wenn es etwas Gutes an dieser blöden Pandemie gibt, dann, dass ich mich ja wirklich um die Kinder kümmern kann. Arbeite, mein Liebling! Arbeite, wie du noch nie gearbeitet hast! Verdiene Geld. Ich mach den Rest.

Mutter: Du bist der Beste.

Vater: Ich weiß. Kinder! Ab sofort bin ich für euch da!

Kinder: Hurra! Vati spielt mit uns!

Mutter: Er ist der Beste.

Vater: Alles wird gut.

(Vater und Mutter blicken sich zufrieden an.)


2. Akt – Der Vater spielt

(Eine Küche im zweiten Lockdown.)

Mutter: So, ich bin fertig für heute. Wie war euer Tag?

Kinder: Toll! Wir haben Turnstunde gehabt und dazu gab es Wissenschaft und Experimente und Basteln und Spielen und Kochen und Trampolin und...

Vater: Alles wird gut.

Mutter: Wenn du das sagst...

(Mutter verdreht kaum merklich die Augen.)


3. Akt – Der Vater spielt noch immer

(Ein Kinderzimmer im gefühlt23. Lockdown.)

Mutter: Du weißt aber schon, dass die Kinder auch mal allein spielen können?

Vater: Theoretisch schon. Aber wir haben so viel Spaß!

Mutter: Dennoch sollten sie auch mal allein spielen. Das ist auch pädagogisch wertvoll. Sie sind ja keine Kleinkinder mehr.

Vater: Du hast recht, meine Liebe, wie immer. Ich verspreche es, ab jetzt werden sie auch allein spielen.

Mutter: Ich bin stolz auf Dich.

Kinder: Vati! Spielen!

Vater: Ich komme!

Mutter: *grummel*

(Mutter verdreht sehr deutlich die Augen.)


4. Akt – Der Vater arbeitet wieder

(Eine Küche am ersten Tag nach der Öffnung nach dem gefühlt 23. Lockdown, irgendwann im Sommer 2021.)

Mutter: Ich freue mich so für dich, dass es wieder losgeht! Jetzt, wo fast alle unsere braven Landsleute geimpft sind, werden sie auch wieder ins Theater gehen.

Vater: Auch ich freue mich. Ich kann es kaum erwarten, aus dem Haus zu gehen, zu arbeiten, aus dem Haus zu gehen, mit Erwachsenen zu reden, aus dem Haus zu gehen... Und dennoch...

(Er dreht bedrückt den Kopf zur Seite.)

Mutter: Was quält dich?

Vater: Werden die Kinder auch ohne mich zurechtkommen?

Mutter: Aber natürlich, mach dir keine Sorgen. Vermutlich tut es ihnen sogar gut, endlich einmal was allein zu machen.

Vater: Du hast recht, wie immer.

Kinder: Vati, spielen!

Mutter: Der Papa kann grad nicht!

Vater: Ach, weil sie doch so lieb fragen. Ich komme!

(Mutter krallt ihre Fingernägel in ein Geschirrtuch.)


5. Akt – Die Mutter greift durch

(Ein Wohnzimmer, am Ende eines Arbeitstages.)

Vater: Schatz ich bin zu Hause! Wo sind denn die Kinder?

Mutter: Im Kinderzimmer. Wir müssen reden.

Vater: Gerne! Was kann ich für dich tun?

Mutter: Du kannst aufhören, es zu übertreiben. Du verdirbst die Preise. Natürlich begrüße ich dein Engagement, aber was zu viel ist, ist zu viel. Die Kinder können auch mal ohne dich Zeit verbringen. Du kannst auch einfach mal rumsitzen. Wir könnten mal wieder miteinander reden. Oder kuscheln. Oder... Ab sofort gehst du arbeiten und vertraust darauf, dass die Familie auch ohne Helikopter-Papa funktioniert. Und du wirst sehen, es wird nichts Schlimmes passieren.

Vater: Aber dann ist doch niemand für die Kleinen da!

Mutter: Bin ich niemand? Sind Oma und Opa niemand? Sind die Freunde der Kinder niemand? Und noch eine Frage: Geht’s dir noch gut?

Vater: Irgendwie scheint mir, du bist verärgert. Aber ich weiß nicht, warum...

Mutter: Dann werde ich es dir sagen. Es war sehr hilfreich, dass du so viel Zeit hattest. Aber jetzt laufen wir wieder auf Normalbetrieb. Das heißt, dass wir Erwachsenen auch wieder ein Leben wie Erwachsene führen können.

Vater: Aber was soll ich nur tun?

Mutter: Bring Geld heim.

Vater: Was tun die Kinder?

Mutter: Die finden schon was.

Vater: Und was machst du?

Mutter: Ich warte darauf, dass du wieder zu Besinnung kommst. Du bist kein Kumpel und Spielkamerad, sondern Vater. Benimm dich wie einer.

(Der Vater legt die Stirn in Falten und grübelt. Die Erkenntnis trifft ihn wie ein Schlag.)

Vater: Du hast recht, wie immer.

(Die Kinder kommen dazu, der Vater erhebt sich majestätisch und blickt seine Familie an.)

Vater: Kinder! Geht spielen.

Kinder: Ja, Vati!

Vater: Frau! Lass uns Zeit zu zweit verbringen.

Mutter: Ja, Schatz!

Vater: Und bring mir ein Bier.

Mutter: Du sollst dich wie ein Vater benehmen, nicht wie ein Trottel.

Vater: Für dich einen Aperol Spritz?

(Die Familie fällt sich in die Arme, die Mutter blickt zufrieden in die Runde.)

Mutter: Jetzt ist wirklich alles gut.


DER VORHANG FÄLLT